epubli Autorenerlebnisse - Teil 7

Zum Welttag des Buches 2014 haben viele Autoren an unserer Aktion “Autorenerlebnisse” teilgenommen. Im siebten Teil dieser Blogreihe stellen wir Ihnen die Beiträge von Gudrun Anders und Brita Wagner vor, in denen sie negative Erlebnisse verarbeiten.

“Wie ich zum Schreiben kam” von Gudrun Anders

An das Jahr 1986 werde ich mich mein ganzes Leben lang erinnern. Es war für mich ein Jahr der vollständigen Wandlung. Es war das Jahr meiner größten Lebenskrise. Ich war damals gerade 25 Jahre alt und viele Leute würden behaupten, ich sei in der Blüte meiner Jahre gewesen. Weit gefehlt. Zumindest für mich. Ich quälte mich mit verschiedenen Krankheiten herum, meine Eltern waren gerade ins Rentenalter gekommen und konnten nicht verkraften, dass sie jetzt viel Zeit – zu viel Zeit – hatten. Mein damaliger Job hing mir zum Halse heraus, meine angeblichen Freunde hatte ich gründlich satt und zu allem Überfluss stellte mein Frauenarzt bei mir die Diagnose Gebärmutter-halskrebs. Mein Freund verließ mich, weil er meinte, ich könne jetzt keine Kinder mehr zur Welt bringen und ich hatte Schulden bis über beide Ohren, weil ich mir gerade meine neue Wohnung eingerichtet hatte.

Jeden Tag lief ich mit irrsinnigen Kopfschmerzen durch die Gegend, schluckte Valium zur Beruhigung und wollte mit niemand mehr etwas zu tun haben. Ich kündigte meinen Job, den ich nicht mehr ertragen konnte und machte mich mit einem kleinen Laden selbständig, den ich drei Monate später mangels Einnahmen wieder schließen musste. Meine Welt drohte gänzlich aus den Fugen zu geraten. Um überhaupt zu Geld zu kommen, nahm ich einen Job im Versicherungsaußendienst an und setzte mich der Tortur des Haustürverkaufens aus, was meinen ohnehin angeschlagenen Nerven noch das I-Tüpfelchen oben drauf setzte.

Meine Mutter war zwischenzeitlich Dauergast in einer psychiatrischen Klinik geworden und wurde kurz darauf im Alter von 63 Jahren mit der Diagnose Alzheimer ins Altenheim gebracht. Mein Vater hatte schwere Depressionen und schob mir die Verantwortung dafür zu, weil ich mich zu wenig um ihn kümmerte. In mehr als einer Nacht weinte ich mir in der Dunkelheit die Augen aus dem Kopf und versuchte am nächsten Morgen mit kühlenden Umschlägen die Spuren der durchweinten Nacht zu verwischen. Ich war am Ende meiner Kräfte und überlegte mir täglich, wie ich am besten aus diesem Leben verschwinden könnte, am liebsten, ohne irgendwelche sichtbaren Spuren in meinem Umfeld zu hinterlassen.

Eines Tages saß ich in meinem Büro und versuchte mich auf die ungeliebte Buchhaltung zu konzentrieren. Aber mein Blick suchte immer wieder das Leere, wanderte ziellos über die Hausdächer und Wiesen davon. Auf einmal sah ich einen Engel über die Wiese fliegen und zwickte mich in den Arm, weil ich meinen eigenen Augen nicht mehr traute. Der Schmerz im Arm verflog, dass Bild des Engels aber blieb. So starrte ich weiter geradeaus und verfolgte, was der Engel dort machte, konnte aber immer noch nicht glauben, was ich da sah.

Der Engel flog zu einem Moorgebiet – das es in der Realität gar nicht geben konnte, denn Moore gab es in meiner Gegend weit und breit nicht – und zeigte mir ein Wesen, das drohte, im Moor zu versinken. Ich kniff die Augen zusammen und schüttelte meinen Kopf, so als ob ich damit die Bilder vertreiben wollte. Als ich die Augen wieder öffnete, war der Engel verschwunden. Ich atmete auf und wollte mich wieder meiner Arbeit zuwenden, als eine mir unbekannte Stimme zu mir sagte: „Schreib‘!“.

Erschrocken drehte ich mich um, aber es war niemand da. Ich wusste auch nicht, was ich hätte schreiben sollen und hatte auch keine Lust dazu, also nahm ich einen Stift zur Hand und wollte meine Buchhaltung weiter bearbeiten. „Schreib’ auf, was du gesehen hast!“ sagte die Stimme – wo kam sie bloß her? – hinter mir jetzt etwas eindringlicher.

„Nein“ antwortete ich laut, obwohl ich mich selbst für verrückt erklärte, weil ich mit jemandem redete, der gar nicht da war und untersuchte vorsichtshalber alle Schränke, um sicher zu gehen, dass niemand einen Scherz mit mir trieb.

„Du schreibst jetzt!“ sagte diese Stimme dann mit so einer Kraft, dass ich es mit der Angst zu tun bekam. Ich wollte fliehen, aber das war nicht möglich. Eine unsichtbare Kraft legte sich auf meinen Arm und drehte meinen Sessel in Richtung Schreibmaschine um. Meine linke Hand wurde zur Schreibtischschublade geführt und ich sah, wie ich ein weißes Blatt Papier aus der Lade nahm und in die Schreibmaschine einspannte. Ungewollt tippte ich die Worte „Es war einmal…“ auf das Papier und wurde erst wieder „wach“, nachdem ich einige Seiten beschrieben hatte. Später las ich, was ich gerade geschrieben hatte:

Es war einmal…

Es war ein mehrere Seiten langes Märchen, das ich zunächst nicht verstand. Es flossen weitere Märchen aus mir heraus, von denen heute einige in meinem Buch „101 Diamanten“ zusammengefasst sind. Ich schreibe mir mit Märchen und Geschichten die Seele frei und hoffe, dass es vielen anderen Menschen ebenso geht.

“Die Begegnung” von Brita Wagner

Atemlos erreiche ich das nächstgelegene Abteil, während der Zug sich in Bewegung setzt. Geschafft! Erleichtert atme ich durch und setze mich auf den freien Fensterplatz gegenüber einen betagten, hageren Herrn, der grübelnd zum Fenster hinaus schaut. Er wirkt traurig, übernächtigt und so rührend hilflos, dass ich spontan tiefes Mitgefühl für ihn empfinde. Was ihn wohl grämen mag? Drücken ihn existenzielle Sorgen? Hat der Arzt ihm eine unheilbare Krankheit diagnostiziert? Gab es in seiner Familie kürzlich einen Todesfall? In meiner südländischen Art signalisiere ich ihm meine Anteilnahme.

Überrascht blickt er auf.

„Kennen wir uns, ich meine, sind wir uns schon einmal begegnet?“ fragt er, und ein wenig verlegen fügt er hinzu: „Sie kommen mir irgendwie bekannt vor.“

Ich bin mir sicher, seinen klangvollen Akzent nie gehört zu haben.

„Vielleicht habe ich eine Doppelgängerin? Mir fällt auf, dass Sie einwandfrei Deutsch sprechen. Leben Sie schon lange hier, vielleicht von Jugend an?“ erkundige ich mich.

„Geboren bin ich in den USA. Als ich zwölf Jahre alt war, reiste meine Mutter mit mir nach Deutschland. Kurze Zeit später brach der Zweite Weltkrieg aus, so dass wir nicht in die USA zurück kehren konnten.“ Er seufzt tief; dann spricht er leise weiter:

„Nach Kriegsende lernte ich ein Mädchen aus dem Schwarzwald kennen. Wir verlobten uns und bald träumten wir von einer gemeinsamen Zukunft. Eines Tages konfrontierte mich Gretel mit der Tatsache, dass sie ein Kind von mir erwarte. Mich überfiel die Befürchtung, meiner zukünftigen Rolle als Familienvater niemals gewachsen zu sein. Als Gelegenheitsarbeiter ohne abgeschlossene Ausbildung hatte ich kein geregeltes Einkommen. Auch Gretels Fabrikarbeiterlohn würde den Mangel nicht ausgleichen. Staatliche Unterstützung wie Kindergeld gab es damals nicht. So entschlossen wir uns zum Schwangerschaftsabbruch. Wie sich später herausstellte, überlebte das werdende Kind die Attacke. Wegen eines Liebhabers trennte Gretel sich spontan von mir. Ich zog nach Bayern, wo ich einen passablen Arbeitsplatz fand. Doch mich plagten schwerste Schuldgefühle, dass das Ungeborene durch den Abtreibungsversuch womöglich Schaden genommen hat.“

In der eintretenden Stille entgeht mir nicht, dass die Augen meines Gegenübers sich mit Tränen füllen. Mitfühlend nehme ich den Platz neben ihm ein, umschließe behutsam seine Hände und lasse ihn ausweinen. Offenbar empfindet er die unverhoffte Empathie als wohltuend. Mit bewegter Stimme führt er das Gespräch weiter.

„Ein Schulfreund von mir, der Gretel kannte und in derselben Straße wohnte, schrieb mir eines Tages, sie habe ein Mädchen geboren und es gleich zur Adoption frei gegeben. Von da an beseelte mich der tiefe Wunsch, mein Töchterchen kennenzulernen. Ich versuchte, erneut Kontakt zu Gretel herzustellen, doch sie reagierte auf keinen meiner Briefe.“

„Hatte sich denn eine Adoptivfamilie gefunden, die das Kind zu sich nahm“ möchte ich gern wissen, denn ich bin selbst bei einer Adoptivmutter aufgewachsen.

„Zunächst war die Kleine im Kinderheim. Nach zwei Jahren nahm eine umsichtige Pflegemutter das Kind in ihre Obhut. Anfang der Fünfziger Jahre übermittelte mein Freund mir die niederschmetternde Nachricht, dass das inzwischen dreijährige Mädchen spurlos verschwunden sei. Das Jugendamt vermute, dass die Pflegemutter, die keine Adoptionsbefugnis hatte, illegal mit dem Kind ausgewandert war – möglicherweise nach Afrika.

Alle meine Bemühungen, den Aufenthaltsort des Kindes herauszufinden, blieben ergebnislos.“

Meine anfängliche Ahnung ist zur Gewissheit geworden: Jetzt komme ich meinem verworrenen, geheimnisvollen Lebensschicksal endlich auf die Spur! Intuitiv springe ich von meinem Platz auf. Soeben donnert der Zug über eine Brücke.

„War das Kind standesamtlich registriert unter den ungewöhnlichen Vornamen Effi Brita?“ rufe ich mit lauter Stimme, um das Getöse zu übertönen.

Einen Moment lang stutzt der alte Herr. Meine Frage verschlägt ihm fast den Atem. In freudigem Erschrecken ruft er aus:

„Wie, Sie kennen meine Tochter Effi Brita? Dann werden Sie mir ja auch ihre Anschrift geben können!“ In fast kindlichem Ton bittet er:

„Sagen Sie, wo lebt meine Tochter? Ist sie gesund? Geht es ihr ordentlich? Ist es möglich, dass ich Kontakt zu ihr aufnehme?“ Wie selbstvergessen flüstert er:

„Ja, dass ich das auf meine alten Tage noch erleben darf!“ Ächzend erhebt er sich, schaut mir erwartungsvoll in die Augen und stammelt:

„Wo, bitte lebt Effi Brita? Und woher kennen Sie sie denn?”

In tiefer Ergriffenheit schließe ich ihn in meine Arme und schmiege mein Gesicht an das Seine. Er spürt meinen raschen Atem und meine Freudentränen, die seine faltigen, eingefallenen Wangen benetzen. Ein Ahnen lässt sein Herz höher schlagen. Ist sie vielleicht…? Einem innigen Bekenntnis gleich hauche ich die überaus bedeutsamen Worte, die wie eine wundersame Liebeserklärung klingen mögen:

„Vater, nach dieser Begegnung haben wir uns doch beide schon immer gesehnt!

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28.07.2014 zuletzt geändert am: 08.11.2018 • Christin Haftmann
Kategorien: Inspiration,
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