Prokrastination im Schreibprozess - Erfahrungen einer Autorin

Prokrastination im Schreibprozess - Erfahrungen einer Autorin

Gastbeitrag von Tanja Steinlechner, Gründerin der Autorenschule Schreibhain und Leiterin unserer Webinarreihe zum Thema Schreibhandwerk. Im zweiten Teil gibt sie praktische Tipps für den Umgang mit Schreibkrisen.

Ich bin nicht untätig gewesen. Die ganze Wohnung blitzt und glänzt. Den Vormittag habe ich damit zugebracht, sie auf Vordermann zu bringen und das mit vollem Erfolg. Als es Mittag ist, sind die Böden sauber, sämtliches Geschirr verstaut, das Spinngewebe in den Ecken entfernt; ich habe sogar die Fugen der Badezimmerkacheln unter Zuhilfenahme von irgendeinem chlorhaltigen Giftzeug und der eigens zu diesem Zweck angeschafften Fugenbürste von dem sich darin langsam ansiedelnden Schwarzschimmel befreit. Normalerweise wäre ich an dieser Stelle stolz auf mich, denn ich hasse Hausarbeit. Stattdessen nagt das schlechte Gewissen an mir. Denn bei allem, was ich heute schon so fleißig erledigt habe, eines habe ich geflissentlich versäumt: den Laptop aufzuklappen, um diesen Artikel zu schreiben.

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Als ich es schließlich doch tue – den Laptop aufklappen – bringt mich das aber auch nicht weiter. Ich sitze da, starre auf das virtuelle weiße Blatt – das Blatt starrt zurück. Es wird nicht als erstes zwinkern. Es zwinkert nie.

Aber Rettung naht, und zwar in Form eines Gedankens, der kavalleriegleich in die öde Prärie meines Geistes eingaloppiert: Ron der Bartagame. Ein Bartagame ist so etwas wie eine große australische Eidechse, deren Gesicht von einem Bart aus Hornstacheln gesäumt ist. Daher auch der Name: Bartagame – Agame mit einem Bart. Ron ist der Bartagame meines dreizehnjährigen Sohnes, der gerade in der Schule ist. Und als ich – aufgeschreckt von dem Kavalleriegedanken – nach ihm sehe, bestätigt sich mein Verdacht: mal wieder völlig verwahrlost.

Bewegungslos wie immer und mit erhobenem Kopf liegt Ron, der Bartagame, im mit kleinen Drecktrümmern versetzten Wüstensand vor seiner Futterschale, in der ausgedörrter Eisbergsalat von gestern im Licht der Infrarotbirne vor sich hinbrutzelt. Sein Kinn ist grau und grau heißt: unglücklich. Seine Reptilienaugen starren mich an; auch sie werden nicht als erste zwinkern.

Also siebe ich Wüstensand und schneide Lollo-Rosso und frische Gurke in reptilienmundgerechte Häppchen. Aber: Ron zwinkert nicht und sein Kinn bleibt grau. Es geht nicht anders. Ich schlüpfe in die Stiefel, streife den Wintermantel über und fahre in die Zoohandlung, um Kakerlaken zu kaufen. Kakerlaken machen Bartagamen glücklich, und siehe da: anderthalb Stunden später mampft das Haustier meines Sohnes den mahagoniefarbenen Körper einer Küchenschabe. Seine Augen schauen teilnahmslos wie immer, aber sein Kinn ist gelb und gelb heißt: glücklich.

Nur der Artikel hat sich immer noch nicht selber geschrieben. Das schlechte Gewissen nagt stärker an mir. Aber ein weiterer rettender Kavalleriegedanke will mir nicht kommen, auch wenn ich ihn dringlich herbeisehne. Jetzt melden sich die Selbstzweifel. Es ist gleich vierzehn Uhr und wegen eines läppischen Artikels liege ich wie Kafka auf dem Kanapee und stecke fest.

Prokrastination? Was ist das?

Das merkwürdige Verhalten, von dem ich heute heimgesucht worden bin, dürfte vielen Autoren nur allzu bekannt vorkommen. Es ist so weit verbreitet, dass es dafür sogar einen lateinischen Namen gibt, einen recht lustigen noch dazu: Prokrastination. Das dazugehörige Verb lautet prokrastinieren. Wenn sie also beim Kaufen von Kakerlaken, Schöner-Wohnen-Wandfarbe der Tönung Mauve oder beim Entfernen irgendwelchen Knastes aus uneinsichtigen Fugen ihrer Küche, die sich zum Beispiel hinter dem Kühlschrank verstecken, von jemandem angerufen werden und jener Anrufer sie fragt: „Was machst du gerade?“ Dann antworten sie: „Ich prokrastiniere.“

Übersetzt heißt Prokrastination nichts anderes als Vertagung. Wer prokrastiniert, versucht mit allen Mitteln einer als unangenehm, oft mit Angst verbundenen Betätigung aus dem Weg zu gehen. Je mehr der Betroffene seine eigentliche Aufgabe vermeidet, desto mehr nagen ein schlechtes Gewissen und ganz realer Zeitdruck an ihm. Diese Empfindungen wiederum verstärken sein unangenehmes Gefühl und damit den Anreiz zu prokrastinieren: ein Teufelskreislauf.

Schreibkrise – Wie kommt man da wieder raus?

Nun ja, was liegt näher, als einleitend die eigene Prokrastination zu beschreiben, wenn dies das Thema des Artikels ist?

Ich habe mich also von meinem Kanapee erhoben und, ohne viel nachzudenken, aufgeschrieben, was ich bis dato gemacht hatte. Damit hatte ich den Einstieg und der tote Punkt war überwunden. Normalerweise handeln die Texte, denen wir aus dem Weg gehen, jedoch von etwas anderem. Es dürfte wenig bringen, die Badezimmergrundreinigung, die man soeben aufs Parkett gelegt hat, niederzuschreiben, wenn man an einem Roman über die napoleonischen Kriege sitzt.

Was ist aber mit der Angst, die uns Autoren im Angesicht des Weißen Blattes erfasst, das niemals zurückzwinkern wird? Mit dem klebrigen Kloß, der uns im Hals sitzt, während wir alles, wirklich alles tun, um nicht in das Gravitationsfeld unseres Arbeitsplatzes zu geraten, weil dies den Beginn unseres Scheiterns einleiten könnte?

Was wir mit dem lustigen lateinischen Wort bezeichnen, ist nichts anderes als eine normalerweise nicht zielführende Bewältigungsstrategie. Was wir damit bewältigen und umgehen wollen, ist genau diese Angst, die doch unsere Busenfreundin sein sollte, denn ausgerechnet sie wird uns weiterhelfen.

Nehmen wir an, der Protagonist unseres Romans steht in der Szene, um die wir uns gerade drücken, ganz vorne in der Gefechtslinie einer Schlacht. Wir wissen, es wird blutig werden, wir haben uns ausführlich mit der Militärtaktik des frühen 19. Jahrhunderts befasst, wir kennen jedes Detail der Schlacht, die wir beschreiben, und wissen genau wie der Federbusch eines österreichischen Dragoners jener Zeit ausgesehen hat. Wir haben sogar in einem Schießverein für Liebhaber historischer Waffen hospitiert und wissen nun wie Pulverdampf riecht und wie der Knall einer Pulvermuskete klingt. Wovor haben wir also Angst? Weswegen kratzen wir Knast hinter unserem Kühlschrank hervor?

Eine mögliche Antwort ist, dass wir zwar alles über den historischen Vorgang wissen, aber nichts darüber, wie sich unser Protagonist in dieser Szenerie, die seine Welt ist, verhalten wird, wie er sich fühlt. Aller Vorrausicht nach hat er Angst, höllische Angst. Damit hat er etwas mit uns gemein.

Alan Watt, dem meine Arbeit ungemein viel verdankt, hat geschrieben, dass es unsere Ängste sind, die uns auf einzigartige Weise qualifizieren, unsere Geschichte zu schreiben. Laut Watt sind sie es, die uns einen direkten Zugang zu ihr verschaffen. Indem wir uns unsere Ängste, die wir vor dem Aufschreiben unseres Textes haben, vergegenwärtigen, sind wir in der Lage, sie auf unseren Protagonisten zu übertragen. Auf diese Weise gelingt es uns, ein unsichtbares Band zwischen Autor und Hauptfigur zu knüpfen. Denn Ängste plagen nicht nur Schriftsteller, sondern auch Helden. Wo sie Erstere lähmen, da treiben sie Letztere an.

Unsere Angst kann sich aber auch auf ganz andere Aspekte unseres Manuskripts beziehen. Was wenn wir nicht den blassesten Schimmer davon haben, wie der Federbusch eines österreichischen Dragoners ausgesehen hat, wir nicht einmal eine näherungsweise Vorstellung davon haben, was ein Dragoner überhaupt ist oder was er auf einem Schlachtfeld zu Zeiten Napoleon Bonapartes zu suchen hat? Was wenn wir nicht wissen wie Pulverdampf riecht, wie ein Musketenschuss klingt und was eine Gefechtslinie ist? Vielleicht haben wir eine Vorstellung von der Angst unseres Protagonisten und somit einen Zugang zu ihm, aber keinen zu seiner Welt. In diesem Fall hilft es, uns Klarheit über das Sujet des Textes zu verschaffen. Wir müssen schlicht Nachrecherchieren. Da wir nicht für einen Zeitungsartikel oder einen Uni-Aufsatz forschen, sollten wir den Bildern, die dabei entstehen, die notwendige Zeit geben, in uns zu arbeiten.

Vielleicht sagt uns der ganze Kram mit dem Pulverdampf, den bunten Uniformen und Federbüschen und dem kleinwüchsigen Feldherrn mit dem großen Dreispitz, der auf einem Pferd sitzt, das auf einem Hügel steht, auch überhaupt nichts. Ray Bradbury hat einmal gesagt: „Wenn ihr unter einer Schreibblockade leidet, könnt ihr sie gleich heute heilen, indem ihr das, woran auch immer ihr gerade schreibt, sein lasst und etwas anderes macht. Ihr habt das falsche Thema gewählt!“

Laut Bradbury ist eine Schreibblockade – und Prokrastinieren ist ein ziemlich sicherer Hinweis auf das Vorliegen einer solchen – eine Warnung unseres Unterbewusstseins, dem wir den Spaß verderben.

Eine andere Ursache für den Kloß im Hals, der immer mehr anschwillt, je mehr wir in Reichweite des weißen Blattes kommen, könnte aber auch darin begründet liegen, dass wir unseren bisherigen Arbeitsprozess falsch gestaltet haben.

Schreibkrise bewältigen – so gelingt’s

Schreiben – zumindest, wenn man es ernst nimmt – ist eine Mammutaufgabe. Ein Roman ist ein gewaltiges Projekt. Wenn Sie einen Roman schreiben, dann machen Sie sich darauf gefasst, dass er einen Großteil Ihrer Ressourcen in Anspruch nehmen wird. Die Arbeit an Ihrem Manuskript gleicht dem Umwerben eines Liebhabers – oder je nach Geschmackslage einer Liebhaberin – sie will unbedingte Aufmerksamkeit und Priorität in Ihrem Leben. Kommen Sie Ihrer Forderung nach, wird sie Sie mit den ersehnten Glückshormonen fluten.

Geben Sie Ihrem Schreiben also den Raum, den es verdient, eher lässt es Sie doch nicht zur Ruhe kommen. Seien Sie umsichtig mit sich selbst! Umgeben Sie sich mit Gleichgesinnten, die verstehen wovon Sie reden. Die nicht schreibende Bevölkerung wird Sie vermutlich nur belächeln, vielleicht sogar beschimpfen. Sie wird nicht verstehen, weshalb Sie Ihrem Roman so viel Zeit und so viel Liebe widmen. Sie könnten schließlich sinnvolleren Beschäftigungen nachgehen. Solcherlei Litanei wird Ihnen die Kraft rauben, die Sie zum Schreiben Ihrer Geschichte unbedingt benötigen. Es nützt nichts, soviel kann ich Ihnen sagen, Ihre Leidenschaft auf kleiner Flamme zu halten. Sie stellen sich damit nur selbst ein Bein. Ihr Gehirn wird sich ausgebrannt fühlen und Ihr Unterbewusstsein in einen Generalstreik treten. Denn ein Großteil der Arbeit wird – gewissermaßen im Autopilotmodus – genau von diesem Unterbewusstsein erledigt, das heißt: wenn es läuft, wie es soll.

Hemingway, der selbst ein großes Problem mit Schreibblockaden hatte, hat dem Organisieren und Einbetten des Schreibprozesses in sein Leben sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet. Er war nicht nur ein Anhänger des täglichen Schreibens. Von ihm stammt auch der Ratschlag, immer dann mit dem Schreiben aufzuhören, wenn es gerade gut läuft, und sich solange keine bewussten Sorgen zu machen, bis man am nächsten Tag wieder damit anfängt. Auf diese Weise lässt man das Unterbewusste seinen Teil der Arbeit tun.

Wann immer der Rauch der Prokrastination aufsteigt, können Sie sich sicher sein, dass an seinem Ausgangspunkt die Angst lauert. Und die Angst verweist Sie auf das Problem, das es zu lösen gilt, um in den Schreibfluss zu finden. Die Angst ist Ihr Freund und in meinem Fall war sie heute auch der Freund von Ron, dem Bartagamen, der immer noch ein tiefgelbes Kinn hat.

Im zweiten Teil habe ich einige praktische Tipps für Sie vorbereitet, wie sie der Schreibkrise begegnen und sie besiegen können.

Tanja Steinlechner