The Future of Publishing: Die neue Macht von Lesern, Autoren und Smartphones

The Future of Publishing: Die neue Macht von Lesern, Autoren und Smartphones

epubli Geschäftsführer Jörg Dörnemann mit Siv Bublitz von Ullstein und Henrik Berggren von Readmill

epubli Geschäftsführer Jörg Dörnemann mit Siv Bublitz von Ullstein und Henrik Berggren von Readmill
©Kilian Ullmann – http://expandingmymind.tumblr.com

Wie werden wir in Zukunft lesen, schreiben und publizieren? Diese Frage treibt nicht nur uns von epubli, sondern die gesamte Buchbranche um. Deshalb haben wir am vergangenen Freitag jene, die möglicherweise Antworten auf diese Fragen haben, und solche, die sich für diese Antworten interessieren, zum Thinktank nach Berlin-Kreuzberg eingeladen. Mit dabei waren unter anderem Jens Redmer von Google, Siv Bublitz von Ullstein, Henrik Berggren von Readmill und Ashleigh Gardner von Wattpad. Herausgekommen ist ein Tag mit vielen Antworten, noch mehr Fragen, voller Diskussionen und rauchender Köpfe. Hier wollen wir ein paar Einblicke geben und Erkenntnisse teilen.

Zugegeben, der Titel, den wir für diese Veranstaltung gewählt hatten, war etwas größenwahnsinnig: „Rewrite the Web – The Future of Publishing“ (#RtW13). Als ob eine Gruppe von sechzig Leuten an einem einzigen Tag mal eben die Zukunft des Publizierens revolutionieren könnte! Aber ein bisschen kam es uns doch so vor, als wir an dem sonnigen Herbsttag in einem ehemaligen Kreuzberger Postamt zusammensaßen und diskutierten. Warum wir eine Woche vor der Buchmesse nochmal schnell eine Grundsatzdebatte über das Publizieren angezettelt haben? Weil wir von epubli wissen wollten, wie andere, etwa die Film- und Gamesbranche, oder Experten von Google, klassischen Verlagen und social reading und writing Plattformen die Digitalisierung nutzen. Und weil wir wissen wollten, wer in der Literaturbranche die Gewinner des Netz-Booms sind. Eindeutige Resultat: Autoren und Leser.

Smartphones are the reading device of the future.,
sagt Henrik Berggren von Readmill. Mit seiner These, dass künftig immer weniger auf eReadern und Tablets und stattdessen mehr auf Smartphones gelesen wird, hat der Gründer der Social-Reading-Plattform einige überrascht, aber seine Gründe leuchten ein: Das Handy habe man immer dabei, ein Tablet dagegen nicht. Bei Readmill zeigen die Statistiken, dass Smartphone-Nutzer mehr Bücher in ihrer Bibliothek haben, mehr kommentieren, schneller lesen und sogar weniger Zeit im Netz verbringen als diejenigen, die Readmill über ihre Tablets nutzen. Die ständigen Verbesserungen der Smartphones, zum Beispiel durch noch größere Displays und mehr Pixel, unterstützen diesen Trend.

Publishers are gatekeepers, but the gate is becoming pretty wide.
Siv Bublitz von Ullstein betont, wie wichtig es für klassische Verlage ist, nicht mehr nur ausschließlich als Selektierer und Schrankenwärter aufzutreten. Vielmehr müssten diese Schranken in mehrerer Hinsicht geöffnet werden. Das Verhältnis von Autoren und ihren Verlegern solle partnerschaftlicher, das von Autoren und Lesern, aber auch von Lesern untereinander intimer werden. Den Lesern und Autoren den Austausch miteinander zu ermöglichen, sei es auf facebook, auf Plattformen wie lovelybooks, vorablesen.de oder blogdeinbuch.de, das ist laut Siv Bublitz auch ein zentrales Anliegen klassischer Verlage.

Siv Bublitz vom Ullstein Verlag

Siv Bublitz vom Ullstein Verlag
©Kilian Ullmann – http://expandingmymind.tumblr.com

The audience knows best what they want to talk about.
Jon Handschin, Gründer der Filmbewertungsplattform Moviepilot, weiß, wie sehr es darauf ankommt, das Publikum, miteinzubinden. Auf Moviepilot hat jeder Film schon eine eigene Gruppe, bevor er überhaupt erscheint. So wird der Marktwert sofort getestet: Wie viele Likes bekommt der Film, worüber diskutiert die Community, welche Art von Filmen wollen die Fans als nächstes sehen?

Let the team own the story.
Sebastian Nußbaum von Wooga, dem Social-Games-Entwickler, erzählt von seinen Erfahrungen in der Spieleindustrie. Nicht von einer einzelnen Person, sondern immer mit Feedback und Input vom ganzen Team sollte eine Story geschrieben werden. Und auch während ein Spiel schon auf dem Markt ist, kann man es ständig verbessern – mit dem wertvollen Feedback der Nutzer. Bei Wooga hat das gerade erst dazu geführt, dass ein Spiel komplett umgekrempelt wurde, weil die Protagonistin nicht gut ankam. Stattdessen wurde der Sidekick zur neuen Hauptperson. So etwas bedeute zwar viel Arbeit, die sich aber lohne. Also: Keine Angst vor drastischen Veränderungen, auch nicht zu einem späten Zeitpunkt, rät Sebastian.

Sebastian Nußbaum von Wooga

Sebastian Nußbaum von Wooga
©Kilian Ullmann – http://expandingmymind.tumblr.com

Not only writers have audiences, readers have them as well.
Noch stärker betont Ashleigh Gardner von Wattpad die Relevanz der Nutzer. Tausende neuer Geschichten werden täglich auf die Plattform geladen und von Lesern und Autoren diskutiert und weitergeschrieben. eReading sei die neue Art von Entertainment. Ashleigh hat uns erklärt, was es da für Möglichkeiten gibt: Autoren lassen ihre Leser über den Erzählstrang des nächsten Kapitels entscheiden, geben den Lesern Einblicke in ihre Arbeit, laden Bücher kapitelweise hoch und bekommen sofort Feedback von der Community. Außerdem: „Es ist viel einfacher, ein Kapitel zu schreiben als ein ganzes Buch.“

The most important change the web has brought us is the access to the market.
Wie einfach es ist, vom Kunden selbst zum Unternehmer zu werden, weiß Kati Krause von Etsy, einer Plattform, auf der Menschen aus aller Welt ihre Produkte verkaufen. Haben bisher fehlendes Kapital und die Dominanz großer Player auf dem Markt viele davon abgehalten, ihr eigenes Geschäft aufzubauen, kann jetzt jeder sein eigener Unternehmer werden. Auch hier geht es um das direkte Zusammenbringen von Menschen, die etwas anbieten, und denen, die das Produkt haben möchten. Die Zwischenhändler werden unnötig, der Markt dezentralisiert und demokratisiert sich. Dadurch werden Experimente möglich: Händler verkaufen ihren ersten Entwurf, bekommen eine direkte Rückmeldung vom Kunden und können gegebenenfalls ihre Ware den Nutzerwünschen anpassen.

Kati Krause von Etsy

Kati Krause von Etsy
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The biggest threat for authors is not to be pirated, it is not to be found.
Mit diesem Tim O’Reilly-Zitat will Jens Redmer, der bei Google Deutschland für neue Produkte, darunter Google Books, verantwortlich ist, Autoren nicht verängstigen, sondern ermutigen: Heutzutage Autor zu sein, sei eben technischer als noch vor einigen Jahren und biete gerade dadurch neue Möglichkeiten. Denn durch die Verarbeitung von Daten kann ein Autor seine Leser verstehen lernen, das Verhalten der User etwa auf der eigenen Homepage analysieren, den Traffic vorhersagen, und warum nicht Klappentexte von Büchern oder ganze Websites suchmaschinenoptimiert schreiben? SEO ist laut Jens Redmer eine gute Möglichkeit für Autoren, dass ihre Texte schnell gefunden werden. Also: Am besten einmal mehr seine Wortwahl überdenken, Schlagwörter benutzen und vor allem vom Suchenden her denken. Ganze Texte suchmaschinenoptimiert zu schreiben, ist das noch Literatur? Die Zukunft wird es zeigen.

Jens Redmer, Google Deutschland

Jens Redmer, Google Deutschland
©Kilian Ullmann – http://expandingmymind.tumblr.com

In less than two years indie authors will be mainstream.”
Joanna Penn lebt das Prinzip der Autorin als Unternehmerin in ganz besonderem Maße: Sie schreibt nicht nur Bücher, sondern sie vermarktet sie auch alle selbst. Das Tolle sei, dass man sich heutzutage als Autor nicht mehr entscheiden müsse, ob man im Selbstverlag oder in einem klassischen Verlag publizieren möchte: Man könne etwa die eBook-Version im Self-Publishing herausbringen, das Print mit dem einem und das Hörbuch mit einem anderen Verlag. Wer heute ein Buch schreibt, hat wie nie zuvor die Möglichkeit, die Dinge selbst in die Hand nehmen. Klar bedeutet das auch Arbeit, Joanna etwa hat eine eigene Webseite, nutzt Social Media, schreibt einen Blog, macht Podcasts. Sie teilt ihre Arbeit in Kreativzeit und Marketingzeit, damit sie ihren beiden „Jobs“ gerecht wird. Ein Vorteil davon: Schriftsteller zu sein, ist heutzutage keine einsame Beschäftigung mehr! Je mehr Schriftsteller diese Art zu arbeiten nutzen, desto schneller wird sich das Self-Publishing professionalisieren – und auch von Skeptikern geschätzt werden.

We are living in a boom time for literacy,
sagt Bobbie Johnson, der Gründer von Matter, einer Journalismus-Plattform, auf der lange, investigative Reportagen veröffentlicht werden. Qualität spielt genauso eine Rolle wie die Leserschaft. Denn „die Leser wissen immer mehr als man selbst.“ Am Ende hat uns Bobbie Johnson, der Gründer der Journalismus-Plattform Matter, noch daran erinnert, was – nicht nur bei Matter – am allerwichtigsten ist: Worte. Egal, ob sie zwischen zwei Pappdeckeln stehen oder wir sie auf dem Bildschirm unseres Smartphones lesen, mit Worten drücken wir uns aus und auch das Internet funktioniert nur durch sie. Nur mit Worten können wir das Web neu schreiben, jeden Tag, jeder auf seine Art.

Bobbie Johnson, Gründer von Matter

Bobbie Johnson, Gründer von Matter
©Kilian Ullmann – http://expandingmymind.tumblr.com

Viele Ideen, viel Input,
viel Stoff zum Nachdenken und Weiterdiskutieren haben wir an diesem Tag bekommen. Zwei Erkenntnisse habe ich persönlich aus “Rewrite the Web” mitgenommen: Der Ansatz von epubli, unseren Autoren die Zügel in die Hand zu geben und Lesern den direkten Zugriff auf die Bücher zu ermöglichen, ist richtig.

Am Rande gab es so manch spannende Diskussionen zwischen den Welten

Am Rande gab es so manch spannende Diskussionen zwischen den Welten
©Kilian Ullmann – http://expandingmymind.tumblr.com

Und: Es ist immens wichtig, sich mit anderen auszutauschen. Denn wie sagte Bobbie Johnson: “If you’re the smartest person in the room, you’re in the wrong room!“ An diesem Tag waren wir wohl alle im richtigen Raum. Fortsetzung folgt.

 

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